Philipp:

Hallo Felix, danke, dass du dir trotz deines engen Zeitplans hier auf der OMKB Zeit für ein Interview genommen hast.

Felix:

Hallo Philipp, danke für die Einladung.

Die Sache mit der EU-Urheberrechtsreform…

Philipp:

Axel surft – Wie stehst du zur EU-Urheberrechtsreform? Und welche Auswirkungen könnte sie im schlimmsten Fall auf das Social Media Marketing haben?

Felix:

Aktuell steckt in dem Thema einfach enorm viel Hype drin. Und das auf beiden Seiten. Das führt leider dazu, dass beide Seiten zum Teil maßlos übertreiben. Einfach, weil Angst drinsteckt.

Aus Sicht des Online Marketers halte ich das Upload-Filter-Problem tatsächlich für ein Problem, weil dann vieles nicht mehr möglich sein könnte. Allerdings muss man auch sagen: Neue Regelungen gab es schon immer. Und Lösungen haben wir bisher auch immer gefunden.

Das beste Beispiel sind die früher gern gescrapten User-Id’s bei Facebook, die findige Online Marketer zur Anzeigen-Schaltung genutzt haben. Eine Methode, die heute nicht mehr funktioniert. Dennoch haben wir immer noch Online Marketing.

Soll heißen: Online Marketing wird nicht aussterben, aber dass wir es anpassen müssen, ist mir bereits mit der DSGVO klar geworden. Jetzt ist es eben E-Privacy. Fazit: Marketing bleibt spannend.

Die Trend-Netzwerke 2019

Philipp:

Social Media Trends – Welche Netzwerke werden 2019 wachsen und warum?

Felix:

Kurz gesagt: Instagram und LinkedIn. Gerade LinkedIn traue ich, bezogen auf den deutschen Markt, zu, Xing immer mehr zu verdrängen. Ein besonders hohes Wachstumspotenzial sehe ich außerdem bei Messengern.

Allerdings bezieht sich dieses Wachstum nicht auf die Nutzerzahlen von Whatsapp und Co. sondern eher auf die Funktionen und die Intensität der Nutzung. Vergleicht man die Nutzung von Whatsapp bei uns und WeChat in China ist da noch viel Luft nach oben, was die klassischen Alltagsanwendungen wie Shopping angeht.

Facebook könnte man in diesem Kontext einerseits als den taumelnden Riesen bezeichnen. Andererseits sehe ich aktuell aber auch kein Netzwerk, dass das Potenzial hat, der Facebook-Killer zu werden.

Philipp:

Facebooks Werbegeschäft läuft ja nach wie vor gut. Was die organische Reichweite angeht, sieht das allerdings etwas anders aus. Björn Tantau hat ja in seinem Vortrag eben empfohlen, verstärkt auf Facebook-Gruppen zu setzen.

Ich finde diese Methode deswegen so interessant, weil in der einleitenden Keynote ja die These formuliert wurde, dass es auf absehbare Zeit keine organische Reichweite mehr geben wird. Wie stehst du zu dieser These?

Felix:

Ich glaube nicht an diese These. Allerdings vertrete ich auch die Ansicht, dass man Social Media immer als Paid Media Kanal betrachten muss, der kostenlose Bonus-Reichweite mitbringt.

Es ist nicht möglich, ein Unternehmen nur auf Gratis-Reichweite aufzubauen. Jeder Unternehmer plant von Anfang an ein Ad-Budget ein und schlägt dieses auf sein Pricing drauf. Wenn man dann noch virale Effekte via Social Media erzeugt, ist das ein netter Nebeneffekt.

Deine Meinung zu Influencern…

Philipp: Influencer – Sind sie noch glaubwürdig? Wenn ja: Warum?

Felix: Wir sind dabei, auch diese Marketing-Disziplin kaputt zu machen. Wir machen alles kaputt: Wir haben SEO kaputt gemacht, wir haben Facebook kaputt gemacht. Und warum? Weil wir immer übertreiben und alles gnadenlos ausschlachten.

Aktuell haben wir im Influencer-Marketing einen Punkt erreicht, an dem die simplen Formate nicht mehr glaubwürdig sind. Ein hübsches Mädchen hält ein Produkt lächelnd in die Kamera und die Leute kaufen es: Das ist halt ausgelutscht.

Jedoch soll dies kein Abgesang auf das Influencer-Marketing an sich sein. Es gibt nach wie vor gute Ansätze, die ich sehr begrüße. Dazu zählen dann Kooperationen, die bewusst tiefer gehen und bei der Influencer und Unternehmen gemeinsam Produkte und Marken entwickeln.

Das Thema Influencer an sich wird auch nie ganz verschwinden, weil es schon immer da war. Wenn auch in abgewandelter Form. Die Methode „Ich nutze fremde Botschafter für meine Marke“ ist ja nicht neu. Neu ist, wie es heute gemacht wird.

Aber um ein abschließendes Fazit zu formulieren: Was wir im Influencer-Marketing größtenteils sehen, ist ausgelutscht, nicht mehr glaubwürdig und wird definitiv wieder verschwinden.

Philipp: Stichwort Glaubwürdigkeit: Dem entgegenwirken könnten ja wiederum Micro Influencer. Hast du zu diesen denn auch eine Meinung?

Felix: Micro-Influencer sind ja fast schon nicht mehr aktuell. Mittlerweile sprechen wir ja schon von Nano-Influencern (haha). Aber egal wie man sie nennt: Für mich sind sie um Längen glaubwürdiger als die Großen der Branche.

Philipp: Kannst du das konkretisieren?

Felix: Eigentlich ist es ganz einfach: Ein Influencer mit einer kleinen, aber aktiven Community erzeugt mehr echte Interaktionen als große Influencer mit Millionen von Followern.

Das zeigt sich besonders gut, bei den großen Beauty-Influencern. Wenn diese ein Produkt in die Kamera halten, egal ob auf Youtube oder Instagram, lauten die Kommentare dazu meistens: Wow, du bist so hübsch. Aber das Produkt selbst wird so gut wie gar nicht wahrgenommen, weil die Influencerin selbst dieses überstrahlt.

Bei Micro- und Nano-Influencern verhält sich das anders. Dort haben die Fans eine viel stärkere Verbindung zu ihrem Liebling, die deutlich tiefer geht. Wenn dort ein Produkt zur Diskussion gestellt bzw. erklärt wird, kommen echte Interaktionen und Gespräche über das entsprechende Produkt zustande. Für Unternehmen extrem wertvoll.

Philipp: Bleiben wir doch bei Influencern: Nachwuchs-Selbstdarsteller – Welche Instagram-Bilder kommen am besten an?

Felix: Zu meinem Erschrecken kommen halt immer noch diese typischen Instagram-Posen an.

Philipp: Was verstehst du denn unter der klassischen Instagram-Pose?

Felix: Das sind zum Beispiel die Fotos, auf denen du eine Frau siehst, die ihren Arm nach hinten ausstreckt und mit diesem quasi einen Mann zieht. Dieses Bild siehst du millionenfach. Oder eine Hand im Haar, der Blick verträumt in die Ferne gerichtet. Ein anderes gutes Beispiel findest du unter dem Hashtag „trolltunga“.

Philipp: Trolltunga?

Felix: Ja, das ist so ein Felsvorsprung in Norwegen. Allein auf Instagram findest du unter dem Hashtag, Stand jetzt, 128.000 Beiträge mit dem immer gleichen Motiv. Immer dieselbe Pose, auf dem immer gleichen Stein irgendwo in Norwegen. Das ist Massenware.

Besonders kurios finde ich daran aber die Tatsache, dass sich vor diesem Stein mittlerweile sogar lange Schlangen bilden. Ich finde das ehrlich gesagt sehr traurig, weil das halt nichts mit Kreativität zu tun hat. Die ist aber eben nicht gefragt. Massenware funktioniert, aber ich finde es ehrlich gesagt nicht gut.

Philipp: Dann haben wir ja schon ein Hashtag für unser Interview: #mehrkreativität.

Felix: Definitiv: Mehr Kreativität, mehr Einzigartigkeit und dafür weniger Massenware! Das gilt für die gesamte Community: Für Marken, Influencer und den Otto-Normal-User.

Social Media = Content Marketing?

Philipp: Ein schönes Statement, das eigentlich auch eine gute Überleitung darstellt. Wie stehst du als Social Media Experte zum Content Marketing?

Felix: Content Marketing und Social Media Marketing sind für mich in großen Teilen deckungsgleich. Beide Disziplinen sind sehr eng miteinander verknüpft: Im Bereich Social Media muss ich Content produzieren, der Bedürfnisse erfüllt oder weckt und diesen im Anschluss daran vermarkten. Das weist einfach extrem starke Ähnlichkeiten zum täglichen Geschäft des Content Marketers auf.

Philipp: Wir hatten uns ja bereits über Paid Ads unterhalten. Meinst du, dass man auf Facebook vermehrt auf Paid Ads setzen sollte, um den eigenen Content zu bewerben?

Felix: Früher war das Ganze ja eigentlich recht einfach: Du veröffentlichst einen Post und alle sehen ihn. Aber diese Zeiten sind längst vorbei.

Stattdessen gibt es heute nur zwei Wege, um deinen Content reichweitenstark in Szene zu setzen. Entweder du erzeugst mit deinem Content Viralität, sodass die Leute ihn selbst weitertragen, oder du vermarktest deinen Content über Paid Ads.

Philipp: Um der verloren gegangenen, organischen Reichweite entgegenzuwirken, etablieren sich ja tagtäglich neue Methoden. Aktuell versuchen ja viele Coaches und Freelancer mittels Freundschaftsanfragen ihren Content zu teilen.

Die Logik dahinter ist dann folgende: Wenn Facebook Postings von Freunden und Bekannten bevorzugt, wird demjenigen auch mein Content bevorzugt angezeigt. Wie stehst du zu dieser Strategie?

Felix: Freundschaftsanfragen dieser Art kriege ich zum Glück nicht, weil ich meine Einstellungen bei Facebook entsprechend angepasst habe. Demnach können mir nur die Leute eine Freundschaftsanfrage schicken, die einen gemeinsamen Freund mit mir haben.

Ich finde solche Strategien einfach nur furchtbar. Das ist dieses typische Push-Marketing: Du drückst den Leuten etwas auf, was sie eigentlich gar nicht wollen. Davon bin ich absolut kein Fan, auch wenn es in manchen Fällen vielleicht sogar funktioniert.

Philipp: Ja, das ist der Knackpunkt: Man will nicht damit zugespamt werden.

Felix: Nicht mal nur das: Ich will auch schlicht nicht akquiriert werden. Ich möchte mich für Sachen interessieren und eventuell auf etwas Cooles stoßen.

Sobald ich allerdings das Gefühl habe, mich in einem Sales Funnel zu befinden, in dem Vertriebsprozess eines Unternehmens, schreckt mich das persönlich stark ab.

Pinterest Marketing im Online Marketing richtig nutzen

Philipp: Ok, anderes Thema: Voll im Trend – Wie nutze ich Pinterest für mein Online Marketing?

Felix: Pinterest hat, anders als Facebook und diverse andere Netzwerke, keinen dominanten Newsfeed. Die Leute suchen aktiv nach Rezepten, Haushaltstipps und anderen Branchen. Bedeutet: Anders als bei Facebook ist es bei Pinterest relativ egal, wann du deine Pinnwände hochlädst. Wichtig ist vor allem, dass du mit Boards zu den entsprechenden Hashtags deiner Branche verfügbar bist und darüber gezielt mehr Traffic generierst.

Philipp: Da sprichst du einen wichtigen Punkt an: Auf Pinterest ist es nicht so wichtig, zu welchem Zeitpunkt du einen Post veröffentlichst. 10 Pins auf einmal zu veröffentlichen ist demnach ja absolut kein Problem.

Felix: Ja, das ist halt der Vorteil von diesem Archiv-Format. Auf Facebook würde das eben nicht funktionieren, weil sämtliche Aktivitäten und Postings auf dem Newsfeed ausgerichtet sind. Ein Riesen-Vorteil: Bei Pinterest kannst du zunächst einmal das Bild-Material hochladen, was du bereits hast und direkt im Anschluss prüfen, ob es dir die erhofften Impressions einbringt.

TikTok on the clock and the marketing party dont stop now

Philipp: Kommen wir doch gleich zum nächsten Trend-Netzwerk: Wie funktioniert TikTok und eignet es sich für Marketing-Zwecke?

Felix: TikTok befindet sich gerade im Wandel. Ursprünglich war das ja eine reine App mit 15 Sekunden Videos und Playback-Gesang für Teenies. Davon will das Unternehmen aber nun abrücken und sich breiter aufstellen. Daher gibt es auch die neuen Updates, die dir das Drehen längerer Videos im Querformat ermöglichen.

Wie bei allen neuen Kanälen muss man natürlich abwarten, wie sich das Ganze entwickelt. Dennoch halte ich es sehr wohl für möglich, dass auch TikTok in Zukunft groß werden kann. Auch aus Marketing-Sicht bieten sich da definitiv gute Ansätze.

Philipp: Was wären das denn für Ansätze?

Felix: Da es sich um eine Video-App handelt, führt natürlich kein Weg an Bewegtbild-Produktionen vorbei. Und dann wird es spannend: Zum einen kannst du als Unternehmen eigens gedrehte Videos bereitstellen, zum anderen kannst du deine Zielgruppe gezielt dazu animieren User-Generated-Content zu produzieren.

Zu diesem Zweck würde ich mir einen passenden Hashtag ausdenken und eine Challenge: Produziert Videos mit dem Hashtag… was hatten wir vorhin nochmal gesagt?

Philipp: #mehrkreativität

Felix: Genau! Produziert Videos mit dem Hahstag „mehrkreativität“, macht etwas wirklich Kreatives und gewinnt eine Reise nach L.A. Das könnte ein tolles Format sein. Aktuell allerdings noch auf die Teenie-Zielgruppe beschränkt.

Mit Youtube User netzwerkübergreifend erreichen

Philipp: Letzte Frage: In die Röhre gucken – Sollten Unternehmen mehr auf Youtube setzen? Wenn ja: Warum?

Felix: Alle Gründe, die für Youtube sprechen, aufzuzählen würde den Rahmen dieses Interviews sprengen. Ich beschränke mich daher einfach mal auf den wichtigsten: Die Videos werden bei Google gefunden.

Das bedeutet, du erreichst mit Youtube netzwerkübergreifend auch die User, die Youtube selbst vielleicht gar nicht nutzen. Demnach hast du immer eine zusätzliche Reichweite über Drittkanäle. Und über Zusatz-Reichweite freuen wir uns ja schließlich alle.

Philipp: Ein gutes Schlusswort. Ich bedanke mich für das Gespräch, Felix.

Felix: Hat mich gefreut. Nächstes Jahr gerne wieder.

Das Zitat des Tages von Online-Marketing-Experte Felix Beilharz

Content Marketing und Social Media Marketing sind für mich in großen Teilen deckungsgleich. Beide Disziplinen sind sehr eng miteinander verknüpft: Im Bereich Social Media muss ich Content produzieren, der Bedürfnisse erfüllt oder weckt und diesen im Anschluss daran vermarkten. Das weist einfach extrem starke Ähnlichkeiten zum täglichen Geschäft des Content Marketers auf.

Felix Beilharz liefert dir Wissen zu Social Media, wir liefern dir Wissen zum Content Marketing! Lade dir hier unser kostenloses Whitepaper herunter und bilde dich noch heute weiter.

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